Die Völker in Russland

In diesem Abschnitt möchte ich auf die vielen Nationalitäten eingehen, die in Russland leben. Fast 100 Völker wohnen  auf dem riesigen Territorium Russlands. Auch deshalb entschied man sich nach dem Zerfall nicht für den Namen Russische Föderation, sondern für Российская Федерация also Russländische Föderation. Der Einfachheit halber wird im deutschen Sprachgebrauch aber oft die Bezeichnung Russische Föderation verwendet.
Trotz der vielen Völker besteht der Großteil der Bevölkerung zu 80% aus ethnischen Russen. Die Tataren bilden mit 5,5 Millionen Menschen (3,8 %) die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe. Sie leben in Tatarstan, einer Nachbarrepublik von Tschuwaschien, und sind muslimisch. Viele Völker, die ursprünglich im Wolgagebiet wohnten, lassen sich der Gruppe der Turkvölker zuordnen. Ihre Sprachen ähneln dem Türkischen. Besonders die tatarische Sprache ähnelt der türkischen. So verstand ein türkischer Junge, der mit mir in Cheboksary wohnte, eine tatarische AFS-Betreuerin sehr gut, tschuwaschisch (auch eine Turksprache) verstand er jedoch nicht.
Die Ukrainer bilden mit 2,9 Millionen Menschen (2 %) eine relativ große Minderheit innerhalb Russlands.  So gibt es teilweise Dörfer, in denen fast ausschließlich Ukrainer leben. Auch als ich in der westsibirischen Siedlung Nishnesortymskij war, war ich überrascht, wie viele Ukrainer es im Ort gab.
Die Republik Tschuwaschien ist die einzige, in der die Zahl der Eingeborenen größer ist als die der Russen. So sind allein 1,1 Millionen der 1,6 Millionen Einwohner Tschuwaschiens Tschuwaschen. Wie in anderen autonomen Republiken auch ist die Sprache der Ureinwohner (in diesem Fall das Tschuwaschische) neben dem Russischen Amtssprache. In meiner ersten Zeit in Cheboksary wunderte ich mich, warum z.B. alle Straßenschilder zweisprachig sind. An allen Schulen Tschuwaschiens wird zudem Tschuwaschisch als Pflichtfach unterrichtet. Auch die Nachrichten des Fernsehsenders Rossija 1 wurden zweisprachig ausgestrahlt. Meine Gastfamilie erzählte mir, dass es auf dem Land teilweise Dörfer gebe, in denen die Bevölkerung kaum oder überhaupt kein Russisch sprach. Das hat mich dann schon ziemlich verwundert, da die Tschuwaschen schon seit der Zeit Ivan IV. zum Russischen Reich gehörten.
Während meiner Fahrt nach Sibirien wohnte ich für eine Nacht bei einer kasachischen Familie in Surgut. Die meisten Kasachen (rund 650.000 oder 0,57%) leben in Westsibirien oder Astrachan, wo ich auch war. Ich war ziemlich überrascht, wie freundlich und offen meine muslimische Gastfamilie war.
Kurze Zeit später besuchte ich mit anderen Austauschschülern ein Dorf der Chanten. Im Gegensatz zur kasachischen Gastfamilie, die ziemlich gut verdiente, bemerkte ich den gravierenden Unterschied zwischen den Völkern, die sich den russischen Sitten angepasst hatten, und denen, die noch nach ihren eigenen Traditionen lebten. Inmitten eines Ölfeldes befanden sich in einem Wald mehrere Holzhäuser ohne Elektrizität und fließendes Wasser. Die Toilette der Chanten war ein Plumpsklo. Wie ich später in einem Museum erfuhr, wurde kaum ein Chante aufgrund schlechter Ernährung und übermäßigen Alkoholkonsums älter als 50 Jahre. Auch ein Mann, den ich im Dorf traf und auf Mitte sechzig schätzte, stellte sich als Mittvierziger heraus. Im Dorf gab es auch ein Kleinkind, das zwar ziemlich süß aussah, aber nur noch verfaulte Zähne im Mund hatte.

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Vier Chanten in Westsibirien.

Im Großen und Ganzen gibt es in Russland doch einen großen Unterschied zwischen Völkern, die sich den russischen Sitten angepasst haben und Teil der Gesellschaft geworden sind, und denen, die immer noch am Rande der Gesellschaft nach ihren eigenen Sitten wohnen.
Trotz alledem ist Russland ein riesiger Vielvölkerstaat, in dem sich verschiedenste Kulturen vermischt haben. Durch diese unterschiedlichen Einflüsse entstand auch die russische Seele, eine Mentalität, die sich sehr von der westlichen unterscheidet. So neigen die Russen zum Aberglauben und sind sehr heimatverbunden. Des Weiteren sind Russen sehr gefühlsbetont und handeln nicht so rational, wie man es in Deutschland tut.

Ein Gedicht des russischen Schriftstellers Fjodor Iwanowitsch Tjutschew beschreibt die „Russische Seele“ ziemlich genau:

 

Verstehen kann man Russland nicht,

Und auch nicht messen mit Verstand.

Es hat sein eigenes Gesicht.

Nur glauben kann man an das Land.

 

Умом Россию не понять,
Аршином общим не измерить:
У ней особенная стать –
В Россию можно только верить.

 

Fjodor Iwanowitsch Tjutschew (1803-1873)

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