Das russische Schulsystem

In den neun Monaten, während derer ich in Russland zur Schule ging, habe ich das dortige Schulsystem besser kennengelernt, als so manch einer das deutsche. Anfangs ging ich gemeinsam mit der zweiten Klasse in den Unterricht, später dann mit höheren Klassen. Die letzten drei Monate besuchte ich auch Stunden mit der elften Klasse. So habe ich innerhalb eines Jahres, abgesehen von der ersten Klasse, das ganze russische Schulsystem durchlaufen und sogar das russische Abitur JeGE im Fach Russisch bestanden.

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Meine Schule, die 41. Allgemeinbildende Schule der Stadt

Am Anfang habe ich mich schon ziemlich gewundert, warum die Schüler in der zweiten Klasse schon neun bis zehn Jahre alt waren. Dann hörte ich, dass die Einschulung hier mit sieben Jahren stattfindet. Im Kindergarten lernen die Kinder bereits lesen und schreiben, weshalb sie im Alter von sieben Jahren etwa auf dem Stand  der Schulkinder in Deutschland sind. Nach vier Monaten in Russland und mit der Erweiterung meiner Russischkenntnisse kam ich in die fünfte Klasse und somit in die Hauptstufe des Schulsystems (ähnelt der deutschen Sekundarstufe I). Hier wird den Kindern die grundlegende allgemeine Bildung vermittelt. In der neunten Klasse steht die mittlere Reifeprüfung, das sogenannte GIA (Государственная Итоговая Аттестация, dt. Staatliche Abschlussprüfung), an. Mit diesem Abschluss darf man die Oberstufe (Sekundarstufe II) besuchen oder die Schule verlassen. Die Schulabgänger haben dann die Möglichkeit eine Berufsausbildung an einem Technikum zu beginnen.
Die Oberstufe an einer staatlichen Schule bereitet die Schüler auf die Hochschulreife, das JeGE (Единый Государственный Экзамен; dt. Einheitliches Staatliches Examen), vor. Dieses Examen steht am Ende der elften Klasse und wird in mindestens zwei Fächern (Russisch und Mathematik) abgelegt. Wahlweise kann man noch alle möglichen anderen Fächer Prüfungen schreiben, so z.B. in allen naturwissenschaftlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern und den Sprachen Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch. In jedem Fach dauert die Prüfung ungefähr drei Stunden.
Auch wie in Deutschland reicht der Besitz dieses Zeugnisses noch nicht für die Aufnahme in einer Universität. An den Universitäten gibt es Aufnahmeprüfungen, die man bestehen muss, und an einigen Eliteunis auch Numerus Clausus, wie z.B. an der Lomonossow-Universität in Moskau.
Im Fach Russisch besteht der Klausurbogen beim JeGE aus drei Teilen. Im ersten Teil gibt es dreißig Ankreuzfragen zu Grammatik, Zeichensetzung, sprachlichen Mitteln und Betonung. Im zweiten Teil muss man passende Fachbegriffe zu Wortbildung und Satzbau in Kästchen schreiben. Einen eigenen Text mit Interpretation, Analyse und Beispielen aus Literatur und eigenen Erfahrungen zu schreiben fordert die Aufgabenstellung des dritten Teils. All das hört sich einfacher an, als es in Wirklichkeit ist. Die russische Sprache ist voll von Ausnahmen und so sind schon der erste und zweite Teil besonders schwierig. Zudem werden bei Fehlern Punkte abgezogen, d.h. bei einem einzelnen Fehler in allen Teilen werden drei Punkte von der Maximalpunktzahl von 100 Punkten abgezogen. Nur dank meiner Gastmutter, die als Russischlehrerin in meiner Schule arbeitet, bestand ich das russische Abitur mit Bravour (87 Punkte aus 100).
Das JeGE ist im Fach Mathematik besonders schwer, weshalb ich mich dazu entschied, in diesem Fach keine Prüfung zu schreiben. Insgesamt sind die Russen uns in Sachen Mathematik um Einiges voraus. Schon in der achten Klasse konnte ich dem Unterricht kaum mehr folgen, da sie weiter waren als wir in der zehnten Klasse. Das Benutzen von Taschenrechnern in der Schule ist auch verboten, weshalb alle Russen unglaublich gut im Kopfrechnen sind.
Ein großer Unterschied zum deutschen Schulsystem besteht darin, dass fast alle Schulen in Russland Gesamtschulen sind, auf welche die Kinder ab der ersten Klasse bis zum Schulabschluss gehen. Neben diesen „allgemeinbildenden Schulen“ gibt es noch Gymnasien und Lyzeen. Für die Aufnahme in solche Schulen muss man entweder eine Prüfung bestehen oder man hat reiche Eltern. Letztendlich sind die Abschlüsse bei beiden Schulformen gleich, jedoch wird man an einer Universität schneller genommen, wenn man vorweisen kann, dass man an einem Gymnasium oder Lyzeum zur Schule gegangen ist.
Während in Deutschland eher Wert auf Fremdsprachen gelegt wird, werden in Russland alle naturwissenschaftlichen Fächer und Mathematik gefördert. In den ersten Monaten ging ich gemeinsam mit der elften Klasse zum Englischunterricht. Ich war ziemlich entsetzt, wie schlecht alle Schüler Englisch sprachen, obwohl sie fünf Stunden die Woche Englischunterricht hatten und diese Sprache ab der zweiten Klasse an den Schulen unterrichtet wird. Zudem hatte meine Schule vertieften Unterricht im Fach Englisch und ich wollte mir gar nicht erst vorstellen, wie Englisch an anderen Schulen unterrichtet wurde.
In einigen Punkten ist das russische Schulsystem besser als das deutsche. So haben alle Kinder die gleiche Möglichkeit auf einen Hochschulabschluss, da die meisten auf eine Gesamtschule gehen und nicht wie in Deutschland schon nach der Grundschule ans Gymnasium, die Real- oder Hauptschule geschickt werden. Auch in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern sind russische Schüler gleichaltrigen Deutschen überlegen. Jedoch finde ich den russischen Schulunterricht in mehreren Punkten, wie z.B. dem Frontal- und schlechten Fremdsprachenunterricht, überholt.

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Der Aufbau des Schulsystems in Russland. Foto: Wikimedia


Die Korruption ist besonders an Gymnasien und Lyzeen in Russland noch besonders hoch. Am fünften Gymnasium in meiner Stadt lernten z.B. nur die Kinder schwerreicher Eltern.