Aus gegebenem Anlass

Liebe Leserinnen und Leser,

aktuell mache ich eine Famulatur (Praktikum für Medizinstudenten) im Gesundheitsamt des Kreises Heinsberg, der vom RKI als „besonders betroffenes Gebiet“ eingestuft wurde. Nach über zwei Wochen im Amt und langen eigenen Recherchen habe ich mich dazu entschieden, einen Brief an Landrat Stephan Pusch (CDU) zu verfassen, den ich gerne veröffentlichen würde.

 

 

Sehr geehrter Herr Pusch,

Sie werden wahrscheinlich aktuell überschüttet mit E-Mails zurecht besorgter Bürgerinnen und Bürger. Ich möchte heute ein wenig auf meine medizinische und wissenschaftliche Sicht der Dinge  zu sprechen kommen und würde mich freuen, auch Sie ein wenig zum Nachdenken bewegen zu können.

Zunächst erst einmal kurz zu mir: Ich bin Medizinstudent im 5. Semester in Würzburg und direkt nach dem Physikum (erster Abschnitt der ärztlichen Prüfung) vor zweieinhalb Wochen zurück zu meinen Eltern nach Erkelenz gefahren. Meine Mutter arbeitet hier als Ärztin im ÖGD und da die geplanten Veranstaltungen bei mir allesamt abgesagt wurden, habe ich mich spontan dazu entschlossen, hier im Gesundheitsamt eine Famulatur zu machen. Meine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, positiv getestete Personen anzurufen und die Befragung für das Robert Koch Institut durchzuführen (z.B. Symptomatik, Vorerkrankungen etc.). Durch hunderte Telefonate habe ich mittlerweile einen relativ guten Eindruck bekommen, wie die Krankheit verläuft und welche Problematik bei den PCR-Tests von Herrn Drosten vorliegt. Da dieser Test im Schnellverfahren zugelassen wurde, konnte er nicht vorher auf Sensitivität und Spezifität getestet werden. Fakt ist aber, dass dieser Test sehr viele falsch negative Ergebnisse liefert, d.h. die Sensitivität ist sehr niedrig. In Gesprächen mit Ärzten der Notaufnahme im Krankenhaus Erkelenz wurde mir berichtet, dass auch bei hochsymptomatischen Fällen (nach gängiger Forschungsmeinung ist das gleichzusetzen mit hoher Viruslast) der Abstrich erst nach mehrmaligem Testen positiv war. Dies geht auch aus neueren Studien[1] hervor. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Infektionszahlen bereits zu dem jetzigen Zeitpunkt wesentlich höher sind. Warum ist das kein Grund zur Sorge? Die schon jetzt relativ niedrige Case Fatality Rate (CFR) in Deutschland liegt in Wirklichkeit wesentlich niedriger als angenommen und ist wahrscheinlich nicht höher als während einer starken Grippewelle. Dies belegt auch eine letzte Woche veröffentlichte Studie[2] im New England Journal of Medicine (der Fachzeitschrift schlechthin für Mediziner weltweit).

Ich muss gestehen, dass ich anfangs auch grundsätzlich positiv zu den Einschränkungen des öffentlichen Lebens stand. Dies wurde natürlich auch befeuert durch dramatische Bilder aus Italien. Je länger ich mich mit der Sache beschäftige, desto skeptischer werde ich, was die einschneidenden Maßnahmen und die medial propagierte Gefahr durch das Virus angeht. Ich bin wirklich schockiert, wie schnell Gesetze ohne Gegenwind von der Opposition durchgewunken werden, die uns Bürgerinnen und Bürger massiv in unseren Grundrechten einschneiden. All das wirkt auf mich stark wie der Burgfrieden zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Viele hochkarätige Wissenschaftler widersprechen den Einschätzungen von Herrn Drosten und seinen Kollegen, die bereits vor Jahren ein Untergangsszenario in Zusammenhang mit der Schweinegrippe an die Wand gemalt haben, das mitnichten eintraf. Wieso zieht die Politik keine anderen Wissenschaftler zurate, um sich ein differenzierteres Bild zu machen?

Hier ein paar kritischere Einschätzungen von Experten:

John P.A. Ioannidis ist Professor für Gesundheitswissenschaft und Statistik in Stanford und einer der meistzitierten Wissenschafler der Welt:

https://www.statnews.com/2020/03/17/a-fiasco-in-the-making-as-the-coronavirus-pandemic-takes-hold-we-are-making-decisions-without-reliable-data/

Peter C. Goetzsche ist Medizinforscher und Professor für klinisches Forschungsdesign und Analyse in Kopenhagen. Zudem war er Mitbegründer der Cochrane Collaboration, die weltweit hochwertige, pharmaunabhängige Metaanalysen im Gesundheitsbereich erstellt:

https://www.deadlymedicines.dk/corona-an-epidemic-of-mass-panic/

Hier die Stellungnahme des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin:

https://www.ebm-netzwerk.de/de/veroeffentlichungen/covid-19

Prof. Karin Mölling ist ehemalige Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie an der Universität Zürich:

https://www.radioeins.de/programm/sendungen/die_profis/archivierte_sendungen/beitraege/corona-virus-kein-killervirus.html

Prof. Hendrik Streeck ist Professor für Virologie und Direktor des Instituts für Virologie der Uni Bonn und aktuell auch viel für Forschungszwecke bei uns im Kreis unterwegs:

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/neue-corona-symptome-entdeckt-virologe-hendrik-streeck-zum-virus-16681450.html

Diese Liste ließe sich beliebig erweitern.

Ich würde mir wünschen, dass in der aktuellen Debatte wirklich alle Zahlen auf den Tisch kommen und auch andere Wissenschaftler Gehör finden. Wir befinden uns aktuell in einer Art Massenhysterie, in der kaum noch verhältnismäßige und rationale Entscheidungen getroffen werden. Stattdessen scheinen sich die Länder mit unterschiedlichen Abriegelungsmaßnahmen übertrumpfen zu wollen. Das schadet nicht nur enorm der Wirtschaft und bedroht Millionen von Existenzen, sondern tötet auch ganz real Menschen: Patienten werden trotz lebensbedrohlicher Erkrankungen (z.B. Aneurysma) nicht mehr operiert, da Intensivbetten für Covid-19-Patienten zurückgehalten werden (die allerdings nicht kommen).

Ich habe Sie in den letzten Wochen als pragmatischen und bürgernahen Politiker schätzen gelernt, der sich für seine Bürgerinnen und Bürger auch in Berlin einsetzt. Ich würde mir wünschen, dass Sie für Ihre zukünftige Arbeit im Krisenstab alle Seiten anhören und nicht nur auf die Experten achten, die eventuell sogar persönlich von der aktuellen Lage profitieren.

Falls Sie nicht die Zeit haben sollten, alle Artikel durchzulesen, kann ich Ihnen ein Podcast von meinem Würzburger Professor für Virologie Carsten Scheller sehr ans Herz legen. Er zeigt am Beispiel Japan, wie andere Länder ohne massive Einschränkung des öffentlichen Lebens gut die Infektionsketten von SARS-CoV-2 stoppen:

https://youtu.be/w-uub0urNfw

Da ich Ihnen diesen Brief auch als E-Mail geschickt habe, brauchen Sie sich auch nicht die Mühe machen, alle Links händisch abzutippen.

Herzliche Grüße

Mathis Eckert

 

PS: Noch ein paar Überlegungen zur hohen Sterblichkeit in Italien:

  1. Die Luftverschmutzung in der Lombardei ist die höchste in Europa. Aus diesem Grund ist die Prävalenz von pulmonalen Vorerkrankungen dort besonders hoch.
  2. Die Zahl der Influenza-Todesfälle ist in Italien im Vergleich zu Deutschland höher. Aktuell werden Patienten kaum noch auf Influenza getestet, was die Statistik verzerrt.
  3. Viele Wissenschaftler nehmen an, dass sich das Virus bereits Wochen vor der Entdeckung unkontrolliert in Italien ausbreiten konnte, weshalb die Zahl der Infizierten wesentlich höher sein dürfte als die Zahl der positiv Getesteten. Die Infektionszahl wird auch höher sein als in Deutschland, da Italiener weniger distanziert sind als Deutsche („Küsschen zur Begrüßung“) und auch Mehrgenerationenhäuser wesentlich häufiger vorkommen.
  4. Die mediale Hysterie führt zu panischen Reaktionen in der Bevölkerung, die massenweise wegen geringer Symptomatik in die Notaufnahmen strömen. Die eh schon kaputtgesparten und überlasteten Krankenhäuser mutieren dadurch zu Seuchenherden, die massenweise vorerkrankte Patienten anstecken, die wegen anderer Probleme ins Krankenhaus gekommen sind.
  5. Auch die Zählweise der Toten ist zutiefst unwissenschaftlich, da selbst Leichname auf SARS-CoV-2 getestet werden, obwohl sie vorher keine Atemwegssymptomatik gezeigt haben. Auch bei uns im Kreis wurde ein Verstorbener als Covid-19-Todesfall gezählt, obwohl er an einer Herzerkrankung starb und keine Atemwegserkrankung vorwies.
  6. Nosokomiale Infektionen („Krankenhausinfektionen“) führen auch in Italien jährlich zu zehntausenden Todesfällen. Die dort vorkommenden Keime sind um ein vielfaches tödlicher als das Coronavirus. Auch hier werden Verstorbene mit multiresistenten Erregern und SARS-CoV-2 fälschlicherweise als Coronatote gezählt.

All das führt dazu, dass ich die Zahlen aus Italien (und auch Spanien) mittlerweile kritisch sehe.

 

[1]Zhuang GH, Shen MW, Zeng LX, Mi BB, Chen FY, Liu WJ, Pei LL, Qi X, Li C. [RETRACTED][Potential false-positive rate among the ‚asymptomatic infected individuals‘ in close contacts of COVID-19 patients]. Zhonghua Liu Xing Bing Xue Za Zhi. 2020 Mar 5;41(4):485-488. Chinese. doi: 10.3760/cma.j.cn112338-20200221-00144. Epub ahead of print. PMID: 32133832. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32133832/

 

[2] Fauci AS, Lane HC, Redfield RR. Covid-19 – Navigating the Uncharted. N Engl J Med. 2020;382(13):1268–1269. doi:10.1056/NEJMe2002387 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMe2002387#article_citing_articles

 

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