»Die Abende hier sind ruhig…«

Die Überschrift dieses Blogeintrags habe ich der ähnlichlautenden Anti-Kriegs-Powest von Boris Wassiljew (А зори здесь тихие…, журнал «Юность», 1969, № 8) entnommen. Wenn ich an unsere Zeit in Njebytow zurückdenke, beschreibt dieser Satz ziemlich genau unseren Aufenthalt und insbesondere den letzten Abend dort…

Nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag hatten sich Boris und Gena etwas besonderes für den Abschied überlegt. Also fuhren wir am späten Nachmittag bei herrlichem Sonnenschein mit dem Minibus der Einrichtung mitten in den belarussischen Wald. Innerhalb der letzten Woche hatte man spürbar wahrgenommen, dass der Herbst im Land Einzug gehalten hatte. Die Nächte waren kühler geworden und morgens lag teilweise ein mystischer Nebel über den umliegenden Feldern. An diesem Tag erinnerten die wärmenden Strahlen der Sonne jedoch an den zurückliegenden Spätsommer. Von unseren Schlafzimmern aus hatte der Wald stets etwas bedrohlich gewirkt. Wahrscheinlich lag dies auch an den Erzählungen von Oleg, der berichtet hatte, dass sich in den vergangenen Wintern einige Wölfe auf der Suche nach Nahrung in den Ort verirrt hatten. Ein bisschen mulmig war uns schon zumute, als wir nach einer längeren Fahrt aus dem Auto stiegen. Diese unschönen Gefühle verflogen jedoch schnell, da der Wald eine tiefe Ruhe und gutmütige Gelassenheit ausstrahlte. Wirklich vergleichen mit einem deutschen Wald lässt sich ein (bela-)russischer Wald nicht, da er meistens um einiges wilder und großflächiger ist. Fast hätte man denken können, dass sich hier russische Märchenfiguren verstecken, und man konnte verstehen, warum in den früheren Naturreligionen der hiesigen Ethnien der Wald stets als etwas Heiliges betrachtet wurde…

Zum Grillen suchten wir uns eine etwas lichtere Stelle in einem kleinen Birkenhain, sammelten trockene Äste und zweige und entfachten ein Feuer. Die leckeren naturbelassenen Würstchen stammten von Mönchen aus einem Kloster in der Nähe, die ein Hausschwein geschlachtet hatten. Außerdem gab es für uns typisches ostslawisches Salo (mit scharfem »S«), das wir leicht anbrieten und dann mit viel Knoblauch aßen. Anfangs war es etwas gewöhnungsbedürftig, aber von Mal zu Mal schmeckte es besser. Hinterher saßen wir noch eine Weile gemütlich ums Feuer, unterhielten uns oder genossen einfach die Ruhe und lauschten den Geräuschen des Waldes.

Nachdem wir all unsere Sachen gepackt und uns von unseren Gastgebern verabschiedet hatten, fuhren wir am kommenden Tag mit unserem Bus nach Minsk. Auf uns warteten einige Tage Erholungs- und Kulturprogramm in der Hauptstadt des Landes. Während es für mich im Anschluss bereits zurück nach Deutschland gehen sollte, würden die anderen noch eine weitere Woche im Norden des Landes in einem Frauenkloster mithelfen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s