»Радиационная опасность« – in der Sperrzone

Nach dem inklusiven Lager begann die eigentliche Arbeit für uns Freiwillige aus Deutschland. Dank der zahlreichen Spenden, die wir von den Unterstützern von Gemeinsam in die Zukunft bekommen hatten, konnten wir in den kommenden Tagen mehrfach in den Baumarkt fahren, um Werkzeug und Arbeitsmaterialien für die umfangreichen Renovierungsarbeiten zu kaufen. Zunächst mussten wir uns allerdings bei der Polizei in Choiniki, dem Nachbarort, registrieren. Wie in Russland auch müssen sich alle Ausländer im jeweiligen Ort für die Dauer des Aufenthalts melden. Das ganze Prozedere nahm etwas längere Zeit in Anspruch, da die meisten Angaben händisch von der Polizeibeamtin übertragen werden mussten. Für die anderen Deutschen, die zum ersten Mal mit der osteuropäischen Bürokratie und ihren Vertretern in strengen Uniformen Kontakt hatten, war das ganze eine aufregende Erfahrung. Ich hingegen war sehr entspannt, da ich wusste, dass die Beamten ein nicht geringes Interesse an einem selbst hatten (immerhin waren wir hier in der Region weit und breit die einzigen Ausländer) und auch die offizielle Regierungslinie war: „Seid freundlich zu Touristen“.

Im Anschluss fuhren wir noch an zwei Denkmälern vorbei, bei denen wir einen kurzen Stopp einlegten. Wie in jeder Stadt der ehemaligen Sowjetunion gab es auch hier eine Gedenkstätte für die Gefallenen während des Großen Vaterländischen Krieges, dessen zentraler Bestandteil ein T-34 der Roten Armee war. Zu Zeiten des Krieges war dieser in hoher Stückzahl produzierte Panzer den Fahrzeugen der Wehrmacht weit überlegen, auch weil die Konstruktion sehr schlicht war und schnell repariert werden konnte.

Selfie vor einem sowjetischen T-32

Im Anschluss ging es noch zum Denkmal, das der Tschernobyl-Katastrophe gewidmet war. Da Choiniki nur rund 50 km Luftlinie vom Unglücksreaktor entfernt war und einige verlassene Dörfer des Kreises in der Sperrzone lagen, gedachte man hier der gewaltigen Umsiedlungsaktionen und den Betroffenen in den Monaten und Jahren nach dem Unglück. Hunderttausende Menschen aus den betroffenen Gebieten hatten für immer ihr Zuhause verloren, mussten zunächst bei Bekannten oder in Notunterkünften unterkommen und bekamen erst später kostenlose Wohnungen vom Staat gestellt. Welche psychischen Belastungen der Verlust der Heimat vor allem für die ältere Belastung darstellt, erlebt man auch hierzulande bei den Zwangsumsiedlungen in den vom Tagebau bedrohten Ortschaften.

Die nächsten Tage waren dann einerseits von harter körperlicher Arbeit, andererseits von tollen Gesprächen, Ausflügen und Banja-Gängen geprägt. Boris Olegowitsch wollte mit unserer Hilfe einen Aufenthaltsraum der alten Schule komplett sanieren. Zunächst trugen wir das alte Mobiliar aus dem Raum, rissen die Tapeten von den Wänden und schmirgelten diese ab. Anschließend musste alter, rissiger Putz von der Decke geschlagen, die Fensterbänke rausgebrochen und Wände und Decke neu verputzt werden. Kurzum: Es gab genügend Arbeit für uns alle.

Da außerdem noch Estrich auf den Fußboden aufgetragen werden sollte, fuhren wir an einem Tag mehrmals mit den Studenten zu einer nahegelegenen Stelle am Waldrand, an der man Sand schaufeln konnte. Ob das ganze wirklich legal war, interessierte im Grunde niemanden, da hier auf dem Land kaum kontrolliert wird. Erlebnisreich war auch die Fahrt mit dem alten belarussischen Traktor, den Boris Olegowitsch liebevoll pflegte, und dem selbst zusammengeschweißten zweiachsigen Anhänger (siehe Bild). Nach dem Ausladen im Hof musste der Sand in Eimern in die erste Etage getragen werden, was einigermaßen schweißtreibend war.

Verpflegt wurden wir die ganze Zeit vom Küchenteam der Einrichtung, die sich ordentlich dafür ins Zeug legten, dass wir während unseres Aufenthaltes ein paar Pfund zunahmen. Das Essen war sehr gut, zumal viele Zutaten aus dem eigenen Garten stammten (über die Strahlungswerte machten wir uns lieber keine allzu großen Gedanken), und frisches Brot gab es zu allen Mahlzeiten in Fülle. Wahrscheinlich dachten sie, dass wir als Deutsche sowieso nichts anderes täten, als den lieben langen Tag Brot zu essen…

Da es in den letzten Tagen draußen spürbar kälter geworden war, wurde extra für uns die hauseigene Banja angeheizt (ich habe bereits während meines Schüleraustauschs einen ausführlicheren Bericht dazu geschrieben, der hier zu finden ist). Obwohl sie im vergangenen Winter durch einen Brand zerstört worden war, hatten die begeisterten Banja-Gänger sie wieder funktionstüchtig gemacht. Alles sah zwar etwas rustikal aus (auch der Ofen war selbst zusammengeschweißt), trotzdem wurde der Raum schnell warm. Wenn ich alle Banja-Besuche, die sich in den Jahren bei mir zusammengeläppert haben, bewerten müsste, würde ich dieser Banja definitiv fünf Sterne (von fünf) geben. Das lag allerdings hauptsächlich an Gena, dem stellv. Leiter der Einrichtung, der das Ganze wirklich zelebrierte und bei uns allen den Kreislauf ordentlich in Schwung brachte. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass die Weniki aus Kiefernzweigen ähnlich angenehm waren, wie diejenigen aus Birkenreisig. Aber die ätherischen Öle, die dem frischen Holz entströmten, machten eventuelle, kleine Schmerzen mehr als wett. Bevor es dann im Anschluss ins Bett ging, gab es für alle noch einen sehr schmackhaften selbstgemachten Kräutertee aus dem belarussischen Wald.

Verlassenes Gutshaus im verlassenen Dorf Rudakow. Auf dieser Seite findet man Bilder des ursprünglichen Zustands.

Da uns insbesondere die Frage interessierte, welche Folgen der Super-GAU für die Region hatte, fuhren wir an einem Nachmittag nach der Arbeit ca. zwanzig Minuten mit dem Auto in Richtung Bragin (der Ort, der direkt neben der Sperrzone lag). Auf halber Strecke sagte uns Oleg, dass wir nach Süden auf einen Schotterweg einbiegen sollten. Nach kurzer Fahrt stellten wir den Bus am Waldesrand ab und liefen auf einem ziemlich zugewachsenen Asphaltweg weiter. Da überall die Natur Überhand genommen hatte, fiel es uns zunächst schwer daran zu denken, dass wir uns in einem ehemaligen Dorf befanden. Einige Minuten später kamen wir an die Ruine eines ehemals sehr stattlichen Gutshauses, bei dem nicht nur das Dach fehlte, sondern mittlerweile auch zahlreiche Birken und kleine Sträucher die Zimmer „bewohnten“. Oleg berichtete uns, dass dieses Gebäude vor der Oktoberrevolution einem wohlhabenden Adeligen gehört hatte, der viel zur Entwicklung der Region beigetragen hatte. In der UdSSR gab es hier lange Zeit ein Berufskolleg für Landwirtschaft, das nach Tschernobyl fluchtartig verlassen worden war. Stattdessen wurde in dem stattlichen Haus ein Generalstab eingerichtet, der sich mit der Dekontamination der Sperrzone in den ersten beiden Jahren nach der Katastrophe befasste. Seitdem war das Haus verlassen und mittlerweile schon mehrfach Vandalismus zum Opfer gefallen. Die Ruinen des Gutshofs und die umliegenden Gebäudekomplexe sind auch gut auf der hier eingefügten Karte zu erkennen:

An einem weiteren Tag machte Juri, der Pfarrer aus Bragin, einen weiteren Ausflug mit uns. Er kannte eine alte Dame, die mittlerweile fast allein in einem Dorf mit ehemals 4000 Einwohnern wohnte, und wollte sie besuchen fahren. Als wir nach einer längeren Autofahrt schließlich im Ort angekommen waren, war die Stimmung wirklich gespenstig: Die Straße war noch relativ gut befahrbar, aber an den Straßenrändern standen überall leere, typisch russische Holzhäuser, die fast vollständig von wildem Hopfen und anderen Sträuchern zugewuchert waren. Ein kleines Haus war noch bewohnt und im Hof stapelten sich ziemlich viel Schrott und Gegenstände aus Metall. Wahrscheinlich fuhr der Bewohner regelmäßig illegal in die Sperrzone, um an dem Schrott aus der Sperrzone noch ein wenig zu verdienen. Ein wirklich trostloses Bild…

Die Sperrzone war auf belarussischer Seite ein Nationalpark, den man nur mit offizieller Einladung betreten durfte. Hier in Sawitschi war ein Stützpunkt der zahlreichen Parkwächter/Ranger, die von hier aus zu ihren Arbeitseinsätzen aufbrachen. Zu den Aufgaben zählten nicht nur das Bewachen der Zone, sondern auch das Freischneiden der zahlreichen Waldwege und das Anlegen von Brandschneisen. In den Sommermonaten der verganenen Jahre war es hier häufiger zu Waldbränden gekommen, die schnell gefährlich werden konnten. Eine besondere Bedrohung ging hierbei vom radioaktiven Staub aus, der bei solchen Bränden in großen Mengen aufgewirbelt wurde und sich neu verteilte. Obwohl die Dosisleistung laut der Messstelle in Bragin nur 0,5 Mikrosievert pro Stunde betrug, konnte dieser Wert bei Waldbränden um ein Vielfaches überschritten werden. Leider war gerade nur eine Rangerin in der Station, die noch einige Aufgaben zu erledigen hatte, sonst hätte sie uns noch mehr von ihrer täglichen Arbeit berichtet.

Einige Meter weiter stachen uns ein ordentlich angestrichener Gartenzaun und ein gepflegter Vorgarten ins Auge: Hier wohnte die alte Dame, von der Juri berichtet hatte. Wir traten durch die Pforte ein und fanden uns in einem liebevoll gestalteten Garten wieder. Die Gastfreundschaft der Bewohnerin war wirklich sehr rührend. Wir sollten sofort alle ins Haus eintreten; es wurde Tee gekocht und obwohl sie mit keinem Besuch gerechnet hatte, wurde der Tisch reichlich gedeckt. Es stellte sich heraus, dass die Über-90-Jährige bereits zweimal ihr geliebtes Dorf hatte verlassen müssen. Während des zweiten Weltkrieges wurde sie bis zur Befreiung durch die Rote Armee für zwei lange Jahre zur Zwangsarbeit von den Nazis ins Deutsche Reich deportiert. Im Grunde kam es schon einem Wunder gleich, dass sie diese Schikanen überlebt hatte, da über die Hälfte aller gefangenen Ostarbeiter sich zu Tode arbeiteten oder ermordet wurden. Auch nach dem Super-GAU musste sie für ein halbes Jahr umziehen, bevor sie wieder in ihre Heimat zurückkehren durfte. Die meisten anderen Dorfbewohner waren allerdings nicht ihrem Beispiel gefolgt und andere waren in den letzten Jahren gestorben. Mittlerweile waren nur noch ein paar Häuser im Dorf bewohnt und es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis Sawitschi komplett in Vergessenheit geraten würde. Sie berichtete uns, wie sich die wilde Natur Stück für Stück ausbreitete. Sogar Wölfe trauten sich wieder häufiger ins Dorf. Eine Dorfbewohnerin sei wohl vor einigen Jahren am hellichten Tage von einem hungrigen Wolf auf der Straße angefallen worden und an den Verletzungen gestorben… Glücklicherweise kümmerte sich ihre Tochter die meiste Zeit liebevoll um sie, die auch im Moment zu Gast war. Nach einem ausführlichen Teetrinken und netten Gesprächen verabschiedeten wir uns. Als wir gerade zurückfahren wollten, kam ein mobiler Tante-Emma-Laden an, der die wenigen Dorfbewohner mit den nötigsten Lebensmitteln versorgte.

Wir alle waren zutiefst beeindruckt von der rüstigen Dame, der die Strahlung scheinbar nichts ausmachte (immerhin waren es nur 30 km Luftlinie zum havarierten Reaktor). Zu gerne hätten wir mit einem Geigerzähler die Strahlung bei ihr im Garten gemessen, da sie nicht nur Wasser aus ihrem Brunnen trank, sondern auch noch Gemüse anbaute. Aber leider hatten wir keinen zur Hand…

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