Titicaca-See

Noch ziemlich K.o. von der Reise und der Höhe schleppte ich mich am Mittwoch zur Arbeit. Im Laden an der Ecke kaufte ich mir ein Säckchen Kokablätter, da ich hoffte, sie würden gegen mein Unwohlsein helfen. Einen richtigen Effekt konnte ich jedoch auch nach einer Stunde Kauen nicht wirklich feststellen.
Am Vormittag bat mich dann Armando, ihm zu helfen. Zwei Fensterscheiben in Talita sollten ausgestauscht werden. Zunächst mussten jedoch die Reste der alten Fensterscheiben entfernt werden. Wie in den meisten Fällen in Bolivien waren auch in den Häusern der Mission Adulam alle Fenster nur einfach verglast. Die Fensterscheiben waren dabei einfach nur von der Innenseite mit Silikon an die Rahmen aus Metall geklebt. Ein Großteil der Scheibe war bereits herausgebrochen und wir mussten nur noch das alte Silikon abkratzen, was sich jedoch als schwieriger herausstellte als erwartet. Anschließend fuhren Armando und ich zu einer der zahlreichen Glasereien, in der wir die neuen Glasscheiben kauften. Auch in Adulam waren einige Scheiben gesprungen und mussten ersetzt werden. Einer der Jungen hatte dabei sichtlich Spaß diese Scheiben unter Aufsicht mit einem Stein zu zerschlagen.
Am Nachmittag fand dann die Mitarbeiterbesprechung statt, zu der ich ausnahmsweise auch eingeladen war. Ich war wirklich froh, daran teilnehmen zu dürfen, da ich so sehr viel über das Verhalten der Jungs und wichtige Neuigkeiten erfuhr.
Am nächsten Tag standen dann weitere Reparaturarbeiten an. Vormittags ging ich mit Armando auf den großen Markt von El Alto, um ein bestimmtes Metallblech zu kaufen, das der Hausmeister Max brauchte. Das Besondere am Markt von El Alto: Er ist nicht nur der größte dieser Art auf der ganzen Welt, man findet hier auch wirklich alles. Nachdem wir uns eine halbe Stunde gesucht und rumgefragt hatten, wurden wir schließlich fündig. Der ausgehandelte Preis war auch wirklich unschlagbar.
Am Nachmittag ging ich dann rüber zu Talita, wo wir Freiwilligen das Sofa reparierten. Irgendjemand hatte die Stützen abgebrochen und wir versuchten, die abgebrochenen Teile wieder zusammenzufügen. Das war schwieriger als gedacht und so waren wir bis zum Feierabend damit beschäftigt.
Am Freitag wurden dann die Möbel in Adulam repariert bzw. aufgehübscht. Die Schränke und Anrichten waren teilweise ziemlich verdreckt. Mit ein paar Jungs trugen wir die Sachen also in den Hof und schliffen die oberste Holzschicht ab. Danach sahen die Möbel zwar schon besser aus, allerdings gab es kein Öl, um das Holz nachhaltig vor Schmutz zu schützen. Ich hatte mittlerweile auch keine Zeit mehr, da die AFS-Betreuerin Lili bereits in der Stadt auf mich wartete.
Alle Austauschschüler und Freiwilligen in La Paz brauchten angeblich ein wichtiges Dokument, um nach Ende des Programms wieder aus Bolivien auszureisen. Die meisten hatten dieses Dokument bereits vor einer Woche beantragt, als ich noch in Argentinien war. Lili hatte deshalb ausnahmsweise einen Ersatztermin für mich und zwei Italiener angeboten. Als ich ankam, standen Lili und die beiden Austauschschüler bereits in der Schlange. Allerdings herrschte heute in der Migrationsbehörde etwas Chaos und so wurden wir von einem Schalter zum nächsten geschickt und mussten uns immer neu anstellen. Schließlich hatten wir die erforderlichen Papiere und ich konnte zurück nach El Alto fahren.
Am Samstag wollte ich mich auf den Weg zum Titicaca-See machen. Die meisten anderen Freiwilligen waren bereits mit AFS dort gewesen und so musste ich alleine dorthin fahren. Ich war etwas aufgeregt, da es meine erste „Reise“ war, bei der ich wirklich auf mich allein gestellt war. Wie hier in Bolivien meist so üblich, hatte ich vorher noch nichts gebucht. Am nächsten Morgen machte mir dann das Wetter jedoch einen Strich durch die Rechnung: Es regnete Bindfäden. Erst am Sonntag fuhr ich dann schließlich los. Bei meinem Kollegen Lucho hatte ich mich vorher zu den Busverbindungen erkundigt. Also fuhr ich erst ans andere Ende von El Alto zur Haltestelle „Río Seco“ (trockener Fluss). Von dort nahm ich einen weiteren Minibus, der mich bis nach Tiquina brachte. Ich war sofort angetan, als ich zum ersten Mal den See sah: Majestätisch ruhig lag er in der kargen Landschaft des Altiplano vor mir.

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Dichter Schiffsverkehr auf der Straße von Tiquina

In Tiquina musste ich dann mit einem kleinen Boot auf die große Halbinsel des Titicaca-Sees übersetzen. Für den Landweg hätte ich erstens wesentlich länger gebraucht und zweitens hätte ich dabei durch Peru fahren müssen. Vor dem Anleger herrschte ein großes Durcheinander: Autos, LKWs und Busse wurden auf Holzflöße verladen, die von einem Außenborder angebtrieben wurden. Fußgänger mussten für die Überfahrt kleine, selbstgebaute Boote nehmen. Caroline hatte mir vorher schon von dem Verkehrsproblem hier erzählt: Bereits seit vielen Jahren gab es Bestrebungen eine Brücke über die knapp 800 Meter breite Straße von Tiquina zu bauen. Die Ortschaften auf beiden Seiten der „Seeenge“ wehrten sich jedoch mit Erfolg gegen diesen Plan, da sonst die Haupteinnahmequellen (Fährverbindung und zahlreiche Restaurants) wegfallen würden. Das Wohl der Allgemeinheit wurde auf Druck eines Familienclans, dem sämtliche Schiffe und viele Restaurants besaß, hinten angestellt.
Auf der anderen Seite ging es dann für mich mit einem anderen Minibus weiter bis nach Copacabana. Wieder einmal regnete es in Strömen und ich befürchtete schon, dass aus meiner Fahrt zur Isla del Sol (Sonneninsel) nichts werden würde. Zum Glück hatte ich mich getäuscht, denn in Copacabana schien mal wieder die Sonne. Dieses kleine Städtchen liegt in einer Bucht der Halbinsel und ist Ausgangspunkt für viele Touren auf dem Titicaca-See. Ich kaufte meine Fahrkarte für die Fahrt zur Isla del Sol und ging anschließend Mittag essen. In der Kleinstadt selbst waren zurzeit besondere Feiertage, an denen alle Neuwagen, die im letzten Jahr gekauft worden waren, vor der Kathedrale gesegnet wurde. Die Autos waren zu diesem Anlass äußerst sauber und mit Blumengirlanden behängt. Da ich noch etwas Zeit hatte, machte ich mich auf den Weg zu einem Aussichtspunkt oberhalb der Stadt, von dem man den kompletten See überblicken konnte.

Das Boot zur Isla del Sol war wieder ein Schiff Marke Eigenbau. Die wenigen Schwimmwesten waren vermutlich zur Deko an der Decke aufgehängt worden. Nach knapp drei Stunden Fahrt kamen wir schließlich an. Auf dem Anleger wurden alle Touristen von Hostelbesitzern angesprochen, die für ihre Unterkünfte warben. Viele blieben gleich unten in der Bucht. Mit einigen anderen machte ich mich jedoch auf den Weg nach oben ins Hauptdorf. Auf dem Weg dorthin traf ich eine Portugiesin und einen Polen, die wie ich auch noch nichts gebucht hatten und auch auf der Suche nach einer Unterkunft waren. Schließlich wurden wir fündig. Das Hostel selbst war zwar nicht gut ausgestattet, wir hatten allerdings gemütliche Betten und es war günstig. Für die Nacht (ohne Frühstück) zahlten wir jeweils nur 30 Bolivianos (4 Euro). Für das Abendessen gingen wir in ein gemütliches Restaurant mit Blick auf den See und die Königskordillere (östliche Gebirgskette der Anden). Das Essen war wirklich lecker und wir unterhielten uns nett. Ich erfuhr, dass sich die beiden erst vor wenigen Tagen getroffen hatten. Die Portugiesin hatte ein Auslandssemester in Montevideo hinter sich und reiste jetzt noch drei Monate durch Südamerika bis nach Kolumbien. Der Pole war bereits länger unterwegs und verdiente sich sein Geld als Akrobat und Clown. Auf seiner Reise war er bereits in Patagonien und auf der Osterinsel gewesen und reiste jetzt auch weiter in den Norden. Außerdem war er auf den Aconcagua in Argentinien gestiegen, dem mit 6962 Metern höchstem Berg auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Die Tour mit professionellem Bergführer hatte insgesamt drei Wochen gedauert und mehrere tausend Dollar gekostet.
Am Abend gingen wir noch auf einen Hügel und beobachten von Ferne ein Gewitter über dem Nordteil des Sees; hören konnte man davon jedoch nichts.


Am nächsten Morgen standen wir sehr früh auf, da wir den Sonnenaufgang sehen wollten. Eigentlich hatten wir geplant, in den Norden der Sonneninsel zu laufen. Allerdings gab es schon seit über einem Monat Spannungen zwischen den zwei Inselteilen, weshalb eine Art Bürgerwehr jedem den „Grenzübertritt“ unter Gewaltandrohung verweigerte. Den genauen Grund dafür hatte ich nicht verstanden. Trotzdem genossen wir den wunderschönen Sonnenaufgang über dem See.


Nachdem wir gefrühstückt hatten, machten wir uns wieder auf den Weg zurück zum Hafen. Wir buchten eine Tour zur benachbarten Isla de la Luna, auf der man auch noch einige Ruinen aus vorkolumbianischer Zeit bestaunen konnte. Auf der Überfahrt hatten wir wirklich die besten Plätze. Wir waren die letzten, die einstiegen, und setzten uns kurzerhand auf das Vorderdeck. Die Sicht auf den See war wirklich fantastisch.
Die Ruinen auf der Mondinsel waren dann jedoch ziemlich ernüchternd und nicht sonderlich beeindruckend.
Als wir am Nachmittag schließlich zurück in Copacabana waren, verabschiedeten wir uns voneinander. Während ich zurück nach El Alto zu Misión Adulam fuhren, machten sich die beiden auf den Weg nach Puno in Peru zu den schwimmenden Inseln.

 

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